0500 klingelt das Handy. Dasselbe Prozedere wie gestern: Tee kochen und abfüllen. Auch das mittlerweile traditionelle McCafé-Frühstück will noch gekauft werden. Ich muss zur Busstation für Langstrecken nach Liuliqiao. Das ist nur zwei Stationen vom Westbahnhof entfernt. Dass das Metronetz in Beijing entweder schlecht oder einfach nur noch nicht fertig ist, zeigt sich z.B. auch daran, dass es sich dabei eigentlich um zwei unvernetzte Metronetze handelt. Der Westbahnhof ist ohne Fußmarsch nämlich nicht im großen Netz erreichbar. Ist allerdings gar nicht schlimm und auch nicht weit weg. Auf dem Weg habe ich mir noch ein paar Mandarinen gekauft - Proviant!
Das ist übrigens der gute alte Westbahnhof:
Dort bin ich also wieder in die Metro gestiegen und nach der Busstation gefahren. Eigentlich ist es mehr ein Busbahnhof. Läuft jedenfalls genauso ab. Das Ticket kostet auch 20 mal mehr als nach Badaling - aber glaubt mir: es ist das Geld wert - 85¥ (10,53€) pro Strecke natürlich.
Meine Station war eigentlich nur eine Tankstelle an der Autobahn. Sieht ein bisschen so aus, als würde ich einfach aus nem fahrenden Bus geworfen worden sein. Kaum eine Menschenseele hier - und ich der einzige Ausländer. Das kann ja was werden...
Zuerst bin ich auf die gegenüberliegende Seite gelaufen, um abzuklären, wie ich hier wieder wegkomme resp. wann der letzte Bus fährt. Gar nicht so einfach - hier kann ja keiner Englisch. Die Station ist eine Mautstelle - d.h. eigentlich wird man wieder auf einen fahrenden Bus aufspringen müssen, wie es aussieht.
Danach habe ich mich auf den Weg zu Mauer gemacht. Nach zehn bis fünfzehn Minuten kam ein Auto vorbei und ich wurde gefragt, ob ich mitgenommen werden wolle. Die wichtigste Frage habe ich natürlich auch sofort gestellt: Was kostet? Ich wurde ausgelacht... Klar, ist ja auch so ungewöhnlich, dass hier etwas im Nachhinein ne Menge Knote kostet... Es handelte sich wohl um ein Ehepaar mit Opa auf der Rückbank, die ich mir mit ihm hab teilen müssen. Anfangs wurde ich noch zugelabert, was allerdings ziemlich schnell eingestellt wurde, nachdem sich herausgestellt hat, dass ich ja nichtmal Chinesisch kann. Trotzdem sehr nett - zu Fuß hätte das sicherlich anderthalb Stunden gedauert.
Vom Parkplatz aus bin ich direkt zum Eingang gelaufen um dann festzustellen, dass ich nochmal zum Parkplatz muss, um ein Ticket zu kaufen. Wie behernert seid ihr eigentlich? Wieso steht das Ticket Office immer so weit weg von den Eingängen... Wieder so etwas, was mich in China wirklich aufregt. Nicht nur schlecht ausgeschildert, sondern einfach völlig verplant.
Seis drum. Auf dem Weg zur Mauer wurde ich wieder angesprochen. Der Mann konnte ganz gut Englisch. Wie sich herausstellte, muss er das auch können, denn er verkauft Souvenirs. Er hatte seinen Rucksack voll und wollte die an die wenigen Touristen auf der Mauer verticken. Hier ist anzumerken, dass ich ja völligst außerhalb der Saison hier anrocke und deswegen auch kaum Betrieb ist. Auf jeden Touristen kommt hier sicherlich ein Verkäufer. Jedenfalls hat er mich begleitet und hat mir angeboten Fotos von mir zu machen. Er hat natürlich vorher gefragt, ob ich was kaufen möchte. Ich hab gesagt, dass ich vielleicht ein T-Shirt kaufen möchte (ist so Tradition bei mir :D). Gut, das war wohl das Signal für ihn, dass er mich nicht alleine über die Mauer laufen lassen kann und so hat er mir an einigen Stellen ein paar Dinge erklärt. Z.B. wieso die Zinnen schräg sind und was hier und dort markant ist. Zwischendurch hat er immer darauf bestanden, Fotos von mir zu machen. Guang Chan heißt der Mann und ist eigentlich Bauer. Da das aber wenig ertragreich ist, verkauft er hier nebenbei Souvenirs. Dass er Bauer ist, sieht man übrigens auch an den dicken Schwielen an den Händen...
Irgendwann hab ich gesagt, dass er anderen Souvenirtypen auf der Mauer sagen soll, er solle ein gemeinsames Foto von uns anfertigen:
Der Abschnitt ist wesentlich länger. Wir sind in Richtung Simatai gegangen (einem anderen Abschnitt). Dieser ist allerdings momentan in Restauration. Wird wohl genauso blöd, wie Badaling... Deswegen ist da nach einigen Kilometern auch Schluss. Allerdings ist die Strecke bis dort auch länger als der gesamte Badaling-Abschnitt. In die andere Richtung kann man wohl noch weiter laufen, ohne auf irgendwelche Sperren zu treffen - sicherlich über dutzende Kilometer - so Guang Chan.
Unser Weg vom Startpunkt aus betrachtet:
Der ganze Nebel (Smog wird es hier ja wohl nicht sein...) macht die Entfernungsschätzung etwas schwierig. Das sieht wirklich weiter weg aus, als es eigentlich ist. Ganz anders in der Mongolei. Da sieht alles sehr nah aus, aber man braucht Tage, um ans Ziel zu kommen.
Wo wir gerade bei der Mongolei sind: Letztes Jahr ging in Ulan Bator im Winter das Heizmaterial aus. Mongolen, gar nicht dumm, klauen einfach eine Ladung Autoreifen und zünden die an... Kann man sich ja vorstellen, wie angenehm der Geruch in der Stadt war....
Auch schön ist, dass nur der erste Teil restauriert wurde. Der Rest ist noch original (so sieht es zumindest aus).
Das ist die Strecke, die vor uns liegt. Sehr neblig, ich weiß. Es ist aber schon ca. 1100.
Der größte Teil unseres Weges ist alter Herkunft. Das sieht dann beispielsweise so aus:
Nach mehr als zwei Stunden kamen wir zum Schild auf dem stand, dass der Weg aufhört. Der Weg ist allerdings auch etwas anstregend. Anzugserleichterung musste auch immer her, als wir wieder Stufen haben erklimmen müssen und sie musste wieder weg, als es bergab ging und es so langsam wieder kalt wurde. Diese - ich würde jetzt Unstetigkeit sagen, was allerdings völliger Schwachsinn wäre, da der Weg genau der Inbegriff von Stetigkeit ist - Nichtmonotonie der Steigung macht das ganze etwas beschwerlich. Ich beklage mich natürlich nicht und könnte auch den ganzen Tag auf der Mauer rumturnen - um das mal klarzustellen! :D
Auf der Strecke haben wir vielleicht 50 Touristen gesehen. Etwas mehr als die Hälfte waren Asiaten - der Rest waren Deutsche, eine Amerikanerin, irgendwas Süd(west)europäisches und Russen... Nicht viele auf jedenfall, was ich als überaus angenehm empfand. Auch die Landschaft fand ich ob ihrer Kargheit eigentlich sehr schön. Hier und da schneebefleckt, dort ein Gebirge und nur ganz wenig Zivilisation - zwischendrin schlängelt sich die Mauer durch. Diese macht hier übrigens einen westenlich atemberaubenderen Eindruck als in Badaling. Das alles führt natürlich zu dem Urteil, dass man lieber nach Jinshanling fahren sollte, bevor man auch nur in Erwägung zieht, Badaling zu besuchen. Ist auf alle Fälle und ganz ohne Frage der bessere Abschnitt und auch während der Saison nicht so überlaufen.
Auf dem Rückweg sind wir einige kleine Schleichpfade entlang der Mauer gegangen - so spart man einige (Höhen-)Meter.
Das ist übrigens der Weg, vom Ziel aus betrachtet:
Irgendwann kam natürlich auch der Augenblick, an dem Guang Chan seinen Rucksack geöffnet hat... Er hatte natürlich nicht viel dabei und ich wollte ihm, nachdem er die ganze Zeit mit mir unterwegs war (was ich auch gar nicht als schlimm empfunden habe), schon etwas abkaufen. T-Shirts suche ich ja sowieso noch für die Bengels :D Ich hab ihn also gefragt, ob er unten noch einen Shop mit mehr Auswahl habe. Wir haben uns dann auf den Weg dorthin gemacht und ich habe mir drei Dinge ausgesucht, die auch nur schlappe 300¥ (37,17€) kosten sollten. Gut, die Größen waren etwas happig - nur weil ich jetzt eine Woche bei KFC gegessen habe, brauche ich schon 2XL? Ich hab natürlich gesagt, dass es so nicht geht (also wegen des Preises - an der Größe kann keiner was ändern). 50 Kuai müssten reichen. Wollter nicht. Nagut, dann gehe ich halt, ohne was zu kaufen - selbst Schuld. Das kommt in China natürlich nicht so gut an und so hat er mich verfolgt. Nach 50m hatter auch gesagt, dass ich mir das nochmal überlegen sollte und ist auf 100¥ runtergegangen. Im Endeffekt hab ich 75¥ (9,29€) für die drei T-Shirts bezahlt. Ist immernoch zu viel - ich weiß. Im Schnitt kosten die so 20¥ (2,48€) pro Shirt. Der kleine Chinamann ist mir allerdings irgendwie ans Herz gewachsen und ich hab ihm für die ungewollte Tour noch 30 Kuai in die Schwielen gedrückt - also habe ich sogar mehr bezahlt, als er eigentlich wollte. Aber lieber gebe ich ihm das Geld, als diesen räudigen Abzockern in dem verdammten Restaurant in Xi'an. (Geht dort niemals essen!!)
Für mich stand nun also der Rückweg an. Ich stand auch vor der Aufgabe, erstmal wieder zur Busstation - oder besser der Mischung als Polizei- und Mautstation zu kommen. Die ist ja immernoch ca. anderthalb Stunden Fußmarsch entfernt. Ist zwar keine Distanz, aber es geht ja auch bequemer. Es fährt schließlich ein Shuttlevan. Der wollte auch nur 80¥ für die 10 Minuten fahrt... Spinnt der? Für 40¥ gehts nämlich auch. Und das ist schon der teuerste Preis. 30 sind wohl auch möglich.
An der Polizeistation habe ich wieder den Polizisten getroffen, dem ich am Morgen versucht habe, zu erklären, dass ich wissen will, wann der letzte Bus nach Beijing fährt. Er konnte sich auch noch an mich erinnern - scheint ja sonst auch nicht viel Action am Arsch der Welt zu sein.
Nach zwei oder drei Bussen kam auch einer nach Beijing (das Zeichen für Bei kenne ich mittlerweile - Jing geht auch noch, aber wenn Bei da steht, fährt der sicherlich nach Beijing :D).
Zufällig war mein Bus exakt derselbe, wie auf dem Hinweg und ich hatte auch die zwei letzten freien Plätze erwischt - das nennt man Glück. Ich hatte auch recht mit der Annahme, auf den fahrenden Bus aufspringen zu müssen. Zum Glück hat die Polizei etwas weiter vorne jemanden angehalten um Papiere zu überprüfen, sodass sich der Verkehr vor dem Bus gestaut hatte...
Mittlerweile ist es auch 1500. Der Trip auf der Mauer hat gar nicht lange gedauert. Mein Ziel, auf der Mauer zu stehen und weit und breit keinen Touristen zu sehen, habe ich allerdings doch nicht erreicht. Ich hab aber immerhin anspruchsvollere Wünsche, als "von der Mauer zu spucken"...
Der Bus hält offensichtlich auch überall an, wo man möchte. Den einen Typen haben wir z.B. auf dem Standstreifen mitten auf der Autobahn rausgeworfen...
Meine Station war allerdings nicht die Station, die ich kannte, aber die Metro fuhr auch hier. Ich habe allerdings nicht gleich gecheckt, dass ich schon in der richtigen Metrolinie war und dass ich eigentlich hätte durchfahren können. Ich gebe hier diesem überaus schlechten Schildersystem die Schuld. Wieso zeigt ihr nicht auf dem Plan, welche Station das ist? Wieso ist der Stationsname nicht einsehbar, wenn der Plan einsehbar ist? Wieso zur Hölle heißen die Stationen alle gleich?!? Nach einem zeitlich recht bedeutenden Umweg bin ich allerdings wieder unversehrt bei KFC gelandet. Ich hatte Hunger und war abermals nicht experimentierfreudig. Das letzte Mal gab es schließlich kaltes Essen! KFC-Reisgerichte sind doch auch ganz in Ordnung. Der Trip hat eigentlich nicht lange gedauert - ich war vielleicht um 1800 wieder auf Bude, aber dafür ging es etwas auf die Knie - man spürt also schon, dass man unterwegs war. Um diese Uhrzeit kann man sowieso nichts mehr angucken - ist ohnehin schon dunkel.
Und jetzt das ganze noch mit Gepäck und im Joggen! :D
AntwortenLöschenNun endlich das Abenteuer Große Chinesische Mauer! Fantastisch mit atemberaubenden Fotos...und Olli mittendrauf. Beneidenswert. Und mit sachkundigem Führer macht das alles viel mehr Spaß. Gruß an den Genossen Bauern...lol
AntwortenLöschenDieses Erlebnis kann Dir keiner nehmen!